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Archiv 2021 · Übersicht

allesdichtmachen 2021: die Initiatoren, die Produktion und die Debatte

Wer hinter der Aktion stand, wie die Videos entstanden und wie Presse, Politik und Medizin auf sie reagierten. Die Stationen der Auseinandersetzung, jeweils mit Person und Ort der Äußerung.

Geöffneter grauer Archivkarton mit unbeschrifteten Karteikarten und einem dunkelvioletten Bandmarker

Die Aktion in einem Absatz

Am 22. April 2021 erschienen 53 satirische Kurzvideos gleichzeitig auf einer eigens eingerichteten Website und auf einem YouTube-Kanal. 50 Schauspieler und zwei Regisseure kommentierten darin die Pandemiepolitik der Regierungen und die Berichterstattung dazu. Die Hashtags der Aktion waren binnen Stunden die meistverwendeten des Tages in Deutschland. Innerhalb einer Woche wurden 26 der 53 Beiträge zurückgezogen. Den Verlauf mit Datumsangaben führt die Übersicht zur Aktion, die Namen das Teilnehmer-Register und die Machart der Video-Index.

Die Initiatoren und ihr erklärtes Ziel

Als Initiator der Aktion gilt der Drehbuchautor und Regisseur Dietrich Brüggemann, neben ihm die Schauspieler Volker Bruch und Jan Josef Liefers. Im Impressum der Aktionsseite stand Bernd K. Wunder, bürgerlich Bernd Katzmarczyk, als vertretungsberechtigter Geschäftsführer. Wunder war zuvor mit Äußerungen aufgetreten, die das Virus als vergleichsweise harmlos einordneten; gegenüber dem Magazin Focus räumte er ein, Corona anfangs fälschlicherweise als eine Art Grippe verharmlost zu haben, und bezeichnete es inzwischen als gefährliche Krankheit. Eine Nähe zu rechten Kreisen wies er zurück.

Brüggemann begründete das Vorhaben damit, die deutsche Gesellschaft unterwerfe sich absurden Regeln; Ziel sei, den Diskursraum darüber wieder zu öffnen und zu verbreitern. Die Initiatoren nahmen für sich in Anspruch, Stimmen Gehör zu verschaffen, die bislang keine Bühne gefunden hätten. Liefers beschrieb die Aktion als ironischen und regelkonformen Protest von Leuten, die sich in dieser Zeit nicht gut wiederfinden konnten, auch nicht in den Medien. Nach Angaben der Beteiligten entstand die Idee bereits im Februar 2021 in persönlichen Gesprächen einer Gruppe Filmschaffender; die Texte seien untereinander ausgetauscht und redigiert worden.

In einer später auf der Aktionsseite ergänzten Stellungnahme mit unklarer Autorschaft wurde der Anspruch ausdrücklich zurückgenommen: Man behaupte nicht, es besser zu wissen, und auch nicht, dass alle Maßnahmen falsch seien. Parallel sammelten Medienberichte Indizien dafür, dass die Aktion von Beginn an eine politische Agenda verfolgt habe. Beide Lesarten stehen unaufgelöst nebeneinander.

Produktion

Wie die Videos entstanden

Wie die Beteiligten zu dem Projekt kamen, ist nur teilweise geklärt. Brüggemann bezeichnete es als dezentrales Gruppenprojekt. Ein Schauspieler, der nicht namentlich genannt werden wollte, benannte ihn und die Regisseurin Jeana Paraschiva als federführend in der Planung. Der Regisseur Tom Bohn gab an, im Vorfeld an der Vermittlung von Darstellern beteiligt gewesen zu sein. Richy Müller erklärte, von Brüggemann kontaktiert worden zu sein.

Versandt wurde nach vorliegenden Berichten eine Projektskizze per E-Mail, mit Textvorschlägen zur Auswahl und einem Plan aus Drehorten und Zeitfenstern. Einzelne Beteiligte gaben später an, ihren Text selbst verfasst zu haben. Gedreht wurde in Berlin, München und Wien; etwa die Hälfte der Beiträge entstand in derselben Berliner Wohnung, was die durchgängig ähnliche Kulisse erklärt.

Die Aktion in Zahlen

Veröffentlichung
22. April 2021
Beiträge
53 Videos von 52 Filmschaffenden
Format
satirische Kurzvideos, 48 bis 172 Sekunden
Hashtags
#allesdichtmachen, #niewiederaufmachen, #lockdownfürimmer
Plattform
eigene Website und ein YouTube-Kanal
Drehorte
Berlin, München, Wien
Zurückgezogen
26 der 53 Videos

Die Debatte in Presse und Politik

Die Aufnahme war gemischt und die Kritik teilweise sehr scharf. Sebastian Leber warf der Kampagne im Tagesspiegel vor, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu verhöhnen; die Videos strotzten vor Hohn und Zynismus, während Vorschläge fehlten, wie die Bevölkerung stattdessen zu schützen sei. Hugo Müller-Vogg attestierte den Beteiligten im Focus eine egomane Innenwelt. Mehrere nicht beteiligte Schauspieler äußerten sich vorab in sozialen Netzwerken kritisch: Elyas M'Barek hielt fest, mit Zynismus sei niemandem geholfen, Nora Tschirner warf den Kollegen neben Zynismus Langeweile vor, Christian Ulmen nannte die Rufe nach Berufsverboten gleichzeitig grotesk und plädierte dafür, im Gespräch zu bleiben.

Dem standen Stimmen gegenüber, die die Form ablehnten und den Anlass verteidigten. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler bezeichnete die ablehnenden Reaktionen von Journalisten in Deutschlandfunk Kultur als twitterblasenbasierten Reflexjournalismus und warnte davor, Freiheitsrechte mit Verweis auf den Schutz des Lebens undiskutiert aufzugeben. Julian Nida-Rümelin verwies auf die Existenzkrise der Künstler und forderte verbale Abrüstung. Georg Restle zeigte in den Tagesthemen Verständnis für die vielen, die sich seit Monaten solidarisch an die Regeln hielten und sich verhöhnt fühlten, hielt aber einige Reaktionen für weit übers Ziel hinausgeschossen.

Politisch verlief die Auseinandersetzung nicht entlang der Parteigrenzen. Zustimmung kam von Vertretern des rechtskonservativen Spektrums, aber auch von der damaligen Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck nannte die Kampagne in ihrer Pauschalität unangemessen und verteidigte gleichzeitig den Raum für eine kritische Debatte über Eingriffe, die so tief in das Leben aller reichten. Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet wandte sich gegen den leichtfertigen Vorwurf einer rechten Gesinnung. Garrelt Duin, Mitglied des WDR-Rundfunkrates, forderte berufliche Konsequenzen für die Beteiligten, löschte seinen Beitrag nach heftiger Kritik und nannte ihn inhaltlich überzogen und seiner Rolle nicht angemessen. Gesundheitsminister Jens Spahn machte stattdessen ein Gesprächsangebot und kritisierte auf beiden Seiten eine Hypermoral, in der die Toten instrumentalisiert würden.

Der Bühnenverband wies in der Debatte darauf hin, dass viele der etwa 15.000 bis 20.000 professionellen Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum oder kein Einkommen gehabt hätten. Die Heftigkeit der Reaktionen selbst wurde von einigen als Beispiel für Cancel Culture gelesen, unter anderem von Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und von Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende der Funke-Mediengruppe. Als der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Winfried Nerdinger, die Aktion verteidigte, führte das zu einem Protestbrief von 20 Mitgliedern, von denen sechs die Vereinigung verließen. Wirtschaftlich und kulturell gehört die Debatte in einen größeren Zusammenhang, den die Stränge zu Medien und Kultur und zur Wirtschaft weiterführen.

Reaktionen aus dem medizinischen Bereich

Aus der Medizin kam beides. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit bezeichnete die Aktion als Meisterwerk, das nachdenklich machen sollte; der Virologe Hendrik Streeck äußerte Verständnis und sah darin ein Zeichen dafür, dass die Politik es nicht geschafft habe, alle mitzunehmen. Auf der anderen Seite kritisierte der als Notfallsanitäter tätige Moderator Tobias Schlegl die Machart. Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz sagte, wer sich über die Schutzmaßnahmen lustig mache, zeige kein Mitgefühl für die Todesopfer, ihre Angehörigen und die Sorgen der Menschen.

Am schärfsten kritisiert wurde ein später zurückgezogener Beitrag, in dem ironisch eine Atemtechnik empfohlen wurde, weil das an Patienten mit akuter Atemnot erinnerte. Die Notärztin Carola Holzner startete die Gegenaktion #allemalneschichtmachen und lud die Beteiligten in die Notaufnahme ein; Liefers teilte in einem Interview mit der Zeit mit, er habe sich für eine Schicht auf ihrer Intensivstation angemeldet. Umgekehrt entstand unter dem Titel „Danke #allesdichtmachen“ eine Aktion, in der sich Teilnehmer für die Videos bedankten und aus ihrem Berufsalltag auf Belastungen durch die Maßnahmen hinwiesen.

Distanzierungen, Rückzüge und Gegenreden

Der Rückzug begann am 24. April 2021.

Heike Makatsch distanzierte sich eindeutig von rechtem Gedankengut, weitere Beteiligte folgten und verwiesen darauf, die Aktion sei schiefgelaufen. Katharina Schlothauer entschuldigte sich, falls Betroffene oder deren Angehörige sich diffamiert oder verletzt gefühlt hätten. Meret Becker erklärte, ihr Beitrag habe missverstanden werden können und die Aktion sei nach hinten losgegangen. Ulrike Folkerts nannte ihre Teilnahme einen Fehler. Die Wortlaute dieser ersten Distanzierungen hat die Zeit am 23. April 2021 dokumentiert.

Brüggemann hielt in der Berliner Zeitung dagegen, einige der Zurückziehenden seien unter Druck gesetzt und bedroht worden, stünden aber weiter hinter der Aktion. Den Vorwurf, die Todesopfer zu verhöhnen, gab er an die Kritiker zurück und verwies darauf, dass der gesellschaftliche Umgang mit anderen vermeidbaren Todesursachen von Kompromissen geprägt sei. Philine Sauvageot vom SWR2 hielt ihm unter Verweis auf seine Interviewäußerungen und Social-Media-Aktivitäten entgegen, es gehe ihm um eine Verharmlosung der Pandemie. Mathias Brodkorb kommentierte im Cicero, niemand könne etwas dafür, wenn ihm die falschen Leute applaudierten, ein Framing, das in Deutschland dennoch zuverlässig funktioniere.

Was in den Jahresrückblicken 2021 blieb

Zum Jahresende führten Kultur- und Medienredaktionen die Aktion in ihren Jahresrückblicken, meist negativ konnotiert und teils als Skandal. Sie habe die Schauspielwelt gespalten und exemplarisch für einen Trend gestanden, einander das Leben lieber schlechter zu machen statt besser. Gleichzeitig hielten dieselben Rückblicke fest, dass die Aktion stärker als andere Vorstöße die Situation der Kulturschaffenden in den Fokus gerückt habe, ohne allerdings Alternativen zur bestehenden Politik zu benennen.

Das Berliner Stadtmagazin Tip kürte Volker Bruch unter anderem für seine Teilnahme zum peinlichsten Berliner des Jahres 2021; Jan Josef Liefers belegte in derselben Liste Platz drei. Das Medienmagazin DWDL.de verlieh der Kampagne seinen Negativpreis in der Kategorie „Coming Out des Jahres“.

Häufige Fragen zur Aktion und ihrer Rezeption

Wer hat allesdichtmachen initiiert?

Als Initiatoren gelten der Regisseur Dietrich Brüggemann sowie die Schauspieler Volker Bruch und Jan Josef Liefers. Im Impressum der damaligen Aktionsseite stand Bernd K. Wunder als vertretungsberechtigter Geschäftsführer. Ein nicht namentlich genannter Beteiligter benannte zusätzlich die Regisseurin Jeana Paraschiva als federführend in der Planung.

Was war das erklärte Ziel der Aktion?

Brüggemann nannte als Ziel, den Diskursraum über die Angemessenheit der Corona-Schutzmaßnahmen wieder zu öffnen und zu verbreitern. Liefers beschrieb die Aktion als ironischen und regelkonformen Protest. In einer später auf der Aktionsseite ergänzten Stellungnahme wurde ausdrücklich nicht beansprucht, es besser zu wissen oder alle Maßnahmen für falsch zu halten.

Wie reagierte die Politik?

Die Reaktionen verliefen quer zu den Parteigrenzen. Gesundheitsminister Jens Spahn machte ein Gesprächsangebot, Robert Habeck nannte die Aktion in ihrer Pauschalität unangemessen und verteidigte gleichzeitig den Raum für streitbare Debatte, Armin Laschet wandte sich gegen den pauschalen Vorwurf einer rechten Gesinnung. Garrelt Duin forderte berufliche Konsequenzen und zog seinen Beitrag später als überzogen zurück.

Warum wurde die Aktion aus dem medizinischen Bereich besonders scharf kritisiert?

Kritisiert wurde vor allem ein später zurückgezogener Beitrag, der ironisch eine Atemtechnik empfahl, weil das an Patienten mit akuter Atemnot erinnerte. Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz vermisste Mitgefühl für die Todesopfer und ihre Angehörigen. Die Notärztin Carola Holzner lud die Beteiligten in die Notaufnahme ein.

Gab es auch Zustimmung aus der Wissenschaft?

Ja. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit bezeichnete die Aktion als Meisterwerk, das nachdenklich machen sollte. Der Virologe Hendrik Streeck äußerte Verständnis und sah darin einen Hinweis darauf, dass die Politik es nicht geschafft habe, alle mitzunehmen.

Was blieb von der Debatte?

Kultur- und Medienredaktionen führten die Aktion in ihren Jahresrückblicken 2021, meist negativ. Das Berliner Stadtmagazin Tip kürte Volker Bruch zum peinlichsten Berliner des Jahres, DWDL.de verlieh der Kampagne einen Negativpreis. Gleichzeitig gilt sie als das Ereignis, das die wirtschaftliche Lage der Kulturschaffenden stärker in den Fokus rückte als andere Vorstöße jener Monate.