Archiv 2021 · Übersicht
allesdichtmachen 2021: die Initiatoren, die Produktion und die Debatte
Wer hinter der Aktion stand, wie die Videos entstanden und wie Presse, Politik und Medizin auf sie reagierten. Die Stationen der Auseinandersetzung, jeweils mit Person und Ort der Äußerung.
Stand der Angaben: 2. September 2026
Die Aktion in einem Absatz
Am 22. April 2021 erschienen 53 satirische Kurzvideos gleichzeitig auf einer eigens eingerichteten Website und auf einem YouTube-Kanal. 50 Schauspieler und zwei Regisseure kommentierten darin die Pandemiepolitik der Regierungen und die Berichterstattung dazu. Die Hashtags der Aktion waren binnen Stunden die meistverwendeten des Tages in Deutschland. Innerhalb einer Woche wurden 26 der 53 Beiträge zurückgezogen. Den Verlauf mit Datumsangaben führt die Übersicht zur Aktion, die Namen das Teilnehmer-Register und die Machart der Video-Index.
Die Initiatoren und ihr erklärtes Ziel
Als Initiator der Aktion gilt der Drehbuchautor und Regisseur Dietrich Brüggemann, neben ihm die Schauspieler Volker Bruch und Jan Josef Liefers. Im Impressum der Aktionsseite stand Bernd K. Wunder, bürgerlich Bernd Katzmarczyk, als vertretungsberechtigter Geschäftsführer. Wunder war zuvor mit Äußerungen aufgetreten, die das Virus als vergleichsweise harmlos einordneten; gegenüber dem Magazin Focus räumte er ein, Corona anfangs fälschlicherweise als eine Art Grippe verharmlost zu haben, und bezeichnete es inzwischen als gefährliche Krankheit. Eine Nähe zu rechten Kreisen wies er zurück.
Brüggemann begründete das Vorhaben damit, die deutsche Gesellschaft unterwerfe sich absurden Regeln; Ziel sei, den Diskursraum darüber wieder zu öffnen und zu verbreitern. Die Initiatoren nahmen für sich in Anspruch, Stimmen Gehör zu verschaffen, die bislang keine Bühne gefunden hätten. Liefers beschrieb die Aktion als ironischen und regelkonformen Protest von Leuten, die sich in dieser Zeit nicht gut wiederfinden konnten, auch nicht in den Medien. Nach Angaben der Beteiligten entstand die Idee bereits im Februar 2021 in persönlichen Gesprächen einer Gruppe Filmschaffender; die Texte seien untereinander ausgetauscht und redigiert worden.
In einer später auf der Aktionsseite ergänzten Stellungnahme mit unklarer Autorschaft wurde der Anspruch ausdrücklich zurückgenommen: Man behaupte nicht, es besser zu wissen, und auch nicht, dass alle Maßnahmen falsch seien. Parallel sammelten Medienberichte Indizien dafür, dass die Aktion von Beginn an eine politische Agenda verfolgt habe. Beide Lesarten stehen unaufgelöst nebeneinander.
Produktion
Wie die Videos entstanden
Wie die Beteiligten zu dem Projekt kamen, ist nur teilweise geklärt. Brüggemann bezeichnete es als dezentrales Gruppenprojekt. Ein Schauspieler, der nicht namentlich genannt werden wollte, benannte ihn und die Regisseurin Jeana Paraschiva als federführend in der Planung. Der Regisseur Tom Bohn gab an, im Vorfeld an der Vermittlung von Darstellern beteiligt gewesen zu sein. Richy Müller erklärte, von Brüggemann kontaktiert worden zu sein.
Versandt wurde nach vorliegenden Berichten eine Projektskizze per E-Mail, mit Textvorschlägen zur Auswahl und einem Plan aus Drehorten und Zeitfenstern. Einzelne Beteiligte gaben später an, ihren Text selbst verfasst zu haben. Gedreht wurde in Berlin, München und Wien; etwa die Hälfte der Beiträge entstand in derselben Berliner Wohnung, was die durchgängig ähnliche Kulisse erklärt.
Die Aktion in Zahlen
- Veröffentlichung
- 22. April 2021
- Beiträge
- 53 Videos von 52 Filmschaffenden
- Format
- satirische Kurzvideos, 48 bis 172 Sekunden
- Hashtags
- #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen, #lockdownfürimmer
- Plattform
- eigene Website und ein YouTube-Kanal
- Drehorte
- Berlin, München, Wien
- Zurückgezogen
- 26 der 53 Videos
Die Debatte in Presse und Politik
Die Aufnahme war gemischt und die Kritik teilweise sehr scharf. Sebastian Leber warf der Kampagne im Tagesspiegel vor, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu verhöhnen; die Videos strotzten vor Hohn und Zynismus, während Vorschläge fehlten, wie die Bevölkerung stattdessen zu schützen sei. Hugo Müller-Vogg attestierte den Beteiligten im Focus eine egomane Innenwelt. Mehrere nicht beteiligte Schauspieler äußerten sich vorab in sozialen Netzwerken kritisch: Elyas M'Barek hielt fest, mit Zynismus sei niemandem geholfen, Nora Tschirner warf den Kollegen neben Zynismus Langeweile vor, Christian Ulmen nannte die Rufe nach Berufsverboten gleichzeitig grotesk und plädierte dafür, im Gespräch zu bleiben.
Dem standen Stimmen gegenüber, die die Form ablehnten und den Anlass verteidigten. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler bezeichnete die ablehnenden Reaktionen von Journalisten in Deutschlandfunk Kultur als twitterblasenbasierten Reflexjournalismus und warnte davor, Freiheitsrechte mit Verweis auf den Schutz des Lebens undiskutiert aufzugeben. Julian Nida-Rümelin verwies auf die Existenzkrise der Künstler und forderte verbale Abrüstung. Georg Restle zeigte in den Tagesthemen Verständnis für die vielen, die sich seit Monaten solidarisch an die Regeln hielten und sich verhöhnt fühlten, hielt aber einige Reaktionen für weit übers Ziel hinausgeschossen.
Politisch verlief die Auseinandersetzung nicht entlang der Parteigrenzen. Zustimmung kam von Vertretern des rechtskonservativen Spektrums, aber auch von der damaligen Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck nannte die Kampagne in ihrer Pauschalität unangemessen und verteidigte gleichzeitig den Raum für eine kritische Debatte über Eingriffe, die so tief in das Leben aller reichten. Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet wandte sich gegen den leichtfertigen Vorwurf einer rechten Gesinnung. Garrelt Duin, Mitglied des WDR-Rundfunkrates, forderte berufliche Konsequenzen für die Beteiligten, löschte seinen Beitrag nach heftiger Kritik und nannte ihn inhaltlich überzogen und seiner Rolle nicht angemessen. Gesundheitsminister Jens Spahn machte stattdessen ein Gesprächsangebot und kritisierte auf beiden Seiten eine Hypermoral, in der die Toten instrumentalisiert würden.
Der Bühnenverband wies in der Debatte darauf hin, dass viele der etwa 15.000 bis 20.000 professionellen Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum oder kein Einkommen gehabt hätten. Die Heftigkeit der Reaktionen selbst wurde von einigen als Beispiel für Cancel Culture gelesen, unter anderem von Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und von Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende der Funke-Mediengruppe. Als der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Winfried Nerdinger, die Aktion verteidigte, führte das zu einem Protestbrief von 20 Mitgliedern, von denen sechs die Vereinigung verließen. Wirtschaftlich und kulturell gehört die Debatte in einen größeren Zusammenhang, den die Stränge zu Medien und Kultur und zur Wirtschaft weiterführen.
Reaktionen aus dem medizinischen Bereich
Aus der Medizin kam beides. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit bezeichnete die Aktion als Meisterwerk, das nachdenklich machen sollte; der Virologe Hendrik Streeck äußerte Verständnis und sah darin ein Zeichen dafür, dass die Politik es nicht geschafft habe, alle mitzunehmen. Auf der anderen Seite kritisierte der als Notfallsanitäter tätige Moderator Tobias Schlegl die Machart. Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz sagte, wer sich über die Schutzmaßnahmen lustig mache, zeige kein Mitgefühl für die Todesopfer, ihre Angehörigen und die Sorgen der Menschen.
Am schärfsten kritisiert wurde ein später zurückgezogener Beitrag, in dem ironisch eine Atemtechnik empfohlen wurde, weil das an Patienten mit akuter Atemnot erinnerte. Die Notärztin Carola Holzner startete die Gegenaktion #allemalneschichtmachen und lud die Beteiligten in die Notaufnahme ein; Liefers teilte in einem Interview mit der Zeit mit, er habe sich für eine Schicht auf ihrer Intensivstation angemeldet. Umgekehrt entstand unter dem Titel „Danke #allesdichtmachen“ eine Aktion, in der sich Teilnehmer für die Videos bedankten und aus ihrem Berufsalltag auf Belastungen durch die Maßnahmen hinwiesen.
Distanzierungen, Rückzüge und Gegenreden
Der Rückzug begann am 24. April 2021.
Heike Makatsch distanzierte sich eindeutig von rechtem Gedankengut, weitere Beteiligte folgten und verwiesen darauf, die Aktion sei schiefgelaufen. Katharina Schlothauer entschuldigte sich, falls Betroffene oder deren Angehörige sich diffamiert oder verletzt gefühlt hätten. Meret Becker erklärte, ihr Beitrag habe missverstanden werden können und die Aktion sei nach hinten losgegangen. Ulrike Folkerts nannte ihre Teilnahme einen Fehler. Die Wortlaute dieser ersten Distanzierungen hat die Zeit am 23. April 2021 dokumentiert.
Brüggemann hielt in der Berliner Zeitung dagegen, einige der Zurückziehenden seien unter Druck gesetzt und bedroht worden, stünden aber weiter hinter der Aktion. Den Vorwurf, die Todesopfer zu verhöhnen, gab er an die Kritiker zurück und verwies darauf, dass der gesellschaftliche Umgang mit anderen vermeidbaren Todesursachen von Kompromissen geprägt sei. Philine Sauvageot vom SWR2 hielt ihm unter Verweis auf seine Interviewäußerungen und Social-Media-Aktivitäten entgegen, es gehe ihm um eine Verharmlosung der Pandemie. Mathias Brodkorb kommentierte im Cicero, niemand könne etwas dafür, wenn ihm die falschen Leute applaudierten, ein Framing, das in Deutschland dennoch zuverlässig funktioniere.
Was in den Jahresrückblicken 2021 blieb
Zum Jahresende führten Kultur- und Medienredaktionen die Aktion in ihren Jahresrückblicken, meist negativ konnotiert und teils als Skandal. Sie habe die Schauspielwelt gespalten und exemplarisch für einen Trend gestanden, einander das Leben lieber schlechter zu machen statt besser. Gleichzeitig hielten dieselben Rückblicke fest, dass die Aktion stärker als andere Vorstöße die Situation der Kulturschaffenden in den Fokus gerückt habe, ohne allerdings Alternativen zur bestehenden Politik zu benennen.
Das Berliner Stadtmagazin Tip kürte Volker Bruch unter anderem für seine Teilnahme zum peinlichsten Berliner des Jahres 2021; Jan Josef Liefers belegte in derselben Liste Platz drei. Das Medienmagazin DWDL.de verlieh der Kampagne seinen Negativpreis in der Kategorie „Coming Out des Jahres“.