Medien & Kultur
Medien und Kultur: der Betrieb, die Berufe und die Debatte seit 2020
Der Kulturbetrieb war nicht nur besonders lange geschlossen, er ist auch anders gebaut als die Branchen, für die die Hilfsinstrumente entworfen wurden. Aus dieser Differenz entstand die Auseinandersetzung, für die diese Domain bekannt ist.
Ein Betrieb, der aus Einzelverträgen besteht
Wer über den Kulturbetrieb spricht, spricht selten über Angestellte. Ensembles an Stadt- und Staatstheatern bilden die Ausnahme; der überwiegende Teil der Arbeit läuft über befristete Engagements, Gastverträge, Tagessätze und Projektaufträge. Eine Produktion entsteht als Zusammenschluss von Gewerken auf Zeit: Regie, Ausstattung, Technik, Maske, Musik, Statisterie. Ist die Produktion abgespielt, löst sich die Struktur wieder auf.
Diese Bauweise ist der Grund, warum die Schließungen hier anders wirkten. Kurzarbeit setzt ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis voraus: genau das, was der Normalfall in diesem Betrieb nicht ist. Und anders als in der Industrie lässt sich eine Aufführung nicht vorproduzieren und später verkaufen: Der Umsatz eines abgesagten Abends ist nicht verschoben, er ist weg. Der Bühnenverband nannte in der Debatte des Frühjahrs 2021 etwa 15.000 bis 20.000 professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland, von denen viele seit März 2020 kaum oder kein Einkommen gehabt hätten.
Warum die Hilfen an der Berufsrealität vorbeigingen
Die Förderlogik der Programme setzte an Betriebskosten an: Miete, Leasing, laufende Verträge. Für ein Haus mit Gebäude und Technikpark ergab das einen Anspruch, für eine Schauspielerin mit einem Laptop und einem Agenturvertrag praktisch keinen. Neustart Kultur, 2020 mit einer Milliarde Euro gestartet und später aufgestockt, förderte überwiegend Institutionen, Spielstätten und Projekte, nicht den Lebensunterhalt der Beteiligten.
Damit entstand eine Lücke, die in den Zahlen unsichtbar blieb. Ein geschlossenes Theater konnte gefördert weiterbestehen, während die Menschen, die dort spielen, ohne Einkommen dastanden und in der Statistik nicht als arbeitslos auftauchten, weil sie selbstständig waren. Wer in diesen Monaten von einer Krise der Kultur sprach, meinte deshalb oft zwei verschiedene Dinge: die Institutionen, die überlebten, und die Erwerbsbiografien, die es nicht taten. Die wirtschaftliche Seite dieses Musters führt der Strang zur Wirtschaft weiter.
Wie daraus eine Mediendebatte wurde
Im Frühjahr 2021 war der Kulturbetrieb seit rund einem Jahr im Wesentlichen geschlossen, während andere Bereiche stufenweise öffneten. In dieser Lage veröffentlichten 50 Schauspieler und zwei Regisseure am 22. April 2021 satirische Kurzvideos, die die Pandemiepolitik und die Berichterstattung darüber überzeichneten. Die Debatte, die darauf folgte, verlief innerhalb von Tagen von einer berufsständischen Beschwerde zu einer politischen Zuschreibung, und wieder zurück, als ein Teil der Beteiligten die Beiträge zurückzog.
Bemerkenswert ist, wie schnell sich der Gegenstand verschob. Die Videos handelten von Maßnahmen; die Auseinandersetzung handelte binnen 48 Stunden davon, wer den Beteiligten zustimmte und was das über sie aussagte. Medienkritische Stimmen sahen darin ein Muster: eine homogenisierte Berichterstattung, in der Kritik am Verfahren als Kritik am Ziel gelesen wurde. Andere hielten dem entgegen, dass der Ton der Videos selbst diese Reaktion herbeigeführt habe. Beide Lesarten sind mit Namen und Fundstellen im Archiv zur Aktion dokumentiert.
Die Rolle der öffentlich-rechtlichen Auftraggeber
Ein Teil der Schärfe der Debatte erklärt sich aus der Auftragslage im deutschen Fernsehfilm. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind hier die größten Auftraggeber, und langlaufende Reihen binden Darsteller über Jahre. Mehrere der Beteiligten der Aktion waren zu diesem Zeitpunkt Gesichter genau solcher Reihen. Damit stand neben der inhaltlichen Frage sofort eine berufliche im Raum: Was folgt daraus für die Zusammenarbeit?
Garrelt Duin, Mitglied des WDR-Rundfunkrates, forderte öffentlich Konsequenzen und eine schnelle Beendigung der Zusammenarbeit; nach heftiger Kritik löschte er seinen Beitrag und nannte ihn inhaltlich überzogen und seiner Rolle als Gremienmitglied nicht angemessen. Den Vorgang beschrieb die FAZ im Feuilleton. Andere wiesen den Gedanken von Berufsverboten grundsätzlich zurück, auch solche, die die Videos scharf kritisierten. Wie die Sender selbst mit den Beteiligten weiter umgingen, wurde in den folgenden Monaten eher an Besetzungslisten sichtbar als an Erklärungen, eine Wirkung, die sich schwer belegen und schwer widerlegen lässt.
Was nach den Öffnungen blieb
Als die Häuser wieder spielen durften, kehrte das Publikum ungleich zurück. Kurzfristige Buchungen wurden zur Regel, was Spielplanung und Tourneen erschwerte; Häuser mit Abonnementstruktur traf der Rückgang härter als Veranstalter, die ohnehin auf Einzelkarten setzten. Zugleich fehlte technisches Personal, das in andere Branchen gewechselt war: Beleuchtung, Ton, Bühnentechnik. Wo Fachkräfte fehlen, sinkt nicht die Nachfrage, sondern die Zahl der Vorstellungen, die überhaupt angesetzt werden können.
Für den Film- und Kinobetrieb kam eine zweite Verschiebung hinzu: Die Monate ohne Auswertungsfenster beschleunigten den Weg der Produktionen zu den Streamingdiensten und verkürzten das Zeitfenster, in dem ein Titel exklusiv im Kino läuft. Was davon auf die Pandemie zurückgeht und was auf eine Entwicklung, die ohnehin lief, ist bis heute strittig. Belastbar ist nur der Befund, dass zwei Entwicklungen zusammenfielen: ein erzwungener Stillstand und ein Umbau der Auswertungswege, der die Reihenfolge von Kino, Streaming und Fernsehen dauerhaft verändert hat. Die Folgen für Kinos, Bühnen, Konzerte und Festivals führt das Dossier zur Unterhaltungsbranche aus.