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Deutsche Wirtschaft in der Pandemie: Branchen, Betriebe und Hilfen

Der Einbruch der Jahre 2020 und 2021 traf nicht alle gleich, und die amtlichen Zahlen zeigten ihn nur verzerrt, weil zwei Instrumente ihn abfederten. Dieser Strang sortiert, was gemessen wurde und was daraus folgte.

Geschlossener Ladeneingang in der Dämmerung, davor gestapelte Außenstühle

Der Einbruch kam nicht überall gleich an

Die erste bundesweite Kontaktbeschränkung galt ab dem 22. März 2020, der zweite Schließungszyklus begann am 2. November 2020 und wurde in Stufen bis ins Frühjahr 2021 verlängert. Für die Wirtschaft war das kein einheitlicher Schock, sondern eine Sortierung nach einer einzigen Frage: Wie viel Umsatz hängt daran, dass Menschen körperlich anwesend sind? Wo die Antwort „alles“ lautete, also im Gastgewerbe, bei Beherbergung, Veranstaltungen, Reisen, Kinos, Fitness und körpernahen Dienstleistungen, fiel der Umsatz nicht um Prozente, sondern auf null.

Der Einzelhandel zerfiel dabei in zwei Hälften. Der Lebensmittelhandel wuchs, weil das Essen aus der Gastronomie in die Küchen verlagert wurde; der Handel mit Textilien, Schuhen und Lederwaren verlor über Monate seine Verkaufsfläche. Industrie und Bau erlebten etwas anderes: keinen Nachfrageausfall, sondern gerissene Lieferketten, Werksstillstände und später Materialknappheit. Wer Branchen nach Schwere sortiert, sortiert deshalb in Wahrheit nach der gewählten Kennzahl: Umsatz, Beschäftigung, Ausfallrisiko und Insolvenzwahrscheinlichkeit ergeben unterschiedliche Ranglisten.

Kurzarbeit, das Instrument, das die Statistik verschob

Das prägende arbeitsmarktpolitische Instrument war die Kurzarbeit. In der Spitze im April 2020 waren knapp sechs Millionen Menschen in Deutschland dafür angemeldet, ein Vielfaches des Höchststands der Finanzkrise 2009. Das hatte eine unmittelbare und eine mittelbare Folge: Beschäftigungsverhältnisse blieben bestehen, und die Arbeitslosenzahlen bildeten den Absturz der Wirtschaftsleistung nur abgeschwächt ab.

Für die Beschäftigten war der Effekt ungleich verteilt. Wer in einem tariflich aufgestockten Betrieb arbeitete, verlor wenig; wer im Niedriglohnbereich vom Kurzarbeitergeld leben musste, verlor viel. Und wer als Solo-Selbstständiger oder auf kurzfristigen Engagements arbeitete, im Kulturbetrieb der Normalfall, fiel durch das Instrument hindurch, weil es an ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis gebunden ist. Genau diese Lücke stand hinter einem großen Teil der Debatte über die Lage der Kulturschaffenden.

Warum die Insolvenzzahlen fielen, während die Umsätze einbrachen

Die auffälligste Zahl der Pandemiejahre ist eine, die niemand erwartet hatte: Die Unternehmensinsolvenzen gingen zurück. Der Grund ist rechtlich, nicht wirtschaftlich. Die Pflicht, bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung Insolvenz anzumelden, wurde ab März 2020 in Stufen ausgesetzt, zunächst allgemein, später für Betriebe, die auf bewilligte Hilfen warteten. Gleichzeitig flossen Zuschüsse und staatlich verbürgte Kredite. Die Insolvenzstatistik führt das Statistische Bundesamt, das die ausgesetzte Antragspflicht dort ausdrücklich vermerkt.

Das Ergebnis war eine Statistik, die in den schwersten Jahren die niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebung zeigte. Was in der Zahl nicht auftauchte, verschwand nicht, sondern verschob sich: in Kredite, die später zu bedienen waren, in aufgezehrte Rücklagen und in eine Nachholbewegung, die erst mit einigem Abstand einsetzte. Wer die Pandemiejahre an den Insolvenzzahlen misst, misst deshalb die Wirkung eines Gesetzes und nicht die Lage der Betriebe.

Was von den Hilfsprogrammen bekannt ist

Auf die Soforthilfen des Frühjahrs 2020 folgten die Überbrückungshilfen in mehreren Stufen, dazu November- und Dezemberhilfe für unmittelbar geschlossene Branchen. Für die Kultur kam Neustart Kultur hinzu, das 2020 mit einer Milliarde Euro startete und später aufgestockt wurde. Die Programme unterschieden sich weniger im Volumen als in ihrer Zugänglichkeit: Antragsberechtigung, Nachweispflichten, die Rolle prüfender Dritter und die Bearbeitungsdauer entschieden darüber, wen das Geld erreichte.

Aus dieser Mechanik ergab sich die Schieflage, die viele Betriebe als eigentliche Belastung beschrieben. Ein Unternehmen mit Buchhaltung und Steuerberatung konnte Anträge bedienen; ein Zwei-Personen-Betrieb ohne beides oft nicht in der gebotenen Frist. Die Rückforderungen späterer Jahre trafen dann jene am härtesten, die bei der Antragstellung auf Schätzungen angewiesen waren. Diese Verteilungsfrage lief neben der medizinischen Debatte her und wurde deutlich seltener geführt.

Der Personalabgang, der länger wirkte als die Schließungen

Als die Gastronomie und die Veranstaltungswirtschaft wieder öffnen durften, fehlte vielerorts nicht die Nachfrage, sondern das Personal. Wer über Monate ohne verlässliche Einsätze dastand, wechselte in Branchen mit planbaren Arbeitszeiten, etwa in die Logistik, den Handel oder den öffentlichen Dienst, und kam überwiegend nicht zurück. Für die betroffenen Betriebe war das ein zweiter Einbruch, diesmal auf der Angebotsseite: verkürzte Öffnungszeiten, gestrichene Ruhetage, gestrichene Kapazität.

Damit endete die wirtschaftliche Wirkung der Pandemie nicht mit dem Auslaufen der Maßnahmen im April 2022. Sie verlagerte sich von der Frage, wer öffnen darf, zu der Frage, wer öffnen kann. Diese Verschiebung erklärt, warum in den Umsatzzahlen mancher Branche selbst Jahre später der Stand von 2019 nicht wieder erreicht wurde, obwohl die Nachfrage zurückgekehrt war.

Dossiers in diesem Strang

Drei Aspekte gesondert ausgeführt: die Branchenreihenfolge, die Betriebsgröße und die Frage, welche Geschäftsmodelle den Bruch überdauerten.

  • Die Branchen, die es zuerst erwischte

    Luftverkehr, Gastgewerbe, Verkehr und Lagerei, Automobil, Kunst und Unterhaltung, und warum die Reihenfolge davon abhängt, was man misst.

  • Kleine Betriebe unter Druck

    Warum Betriebsgröße über die Widerstandsfähigkeit entschied und welche Rolle Rücklagen, Kredite und Antragsfristen spielten.

  • Geschäftsmodelle nach dem Bruch

    Fernarbeit, digitale Dienste, Nachhaltigkeit: welche Verschiebungen blieben und welche sich als Momentaufnahme erwiesen.

Häufige Fragen zur Wirtschaftslage in der Pandemie

Welche Branchen traf die Pandemie in Deutschland am härtesten?

Am unmittelbarsten das Gastgewerbe, der Luftverkehr, die Veranstaltungs- und Reisewirtschaft sowie der Einzelhandel außerhalb des Lebensmittelbereichs, also überall dort, wo Umsatz an körperliche Anwesenheit gebunden ist. Industrie und Bau erlebten eher Unterbrechungen in den Lieferketten als einen Nachfrageausfall.

Wie viele Menschen waren in Deutschland in Kurzarbeit?

In der Spitze im April 2020 waren es knapp sechs Millionen, deutlich mehr als in der Finanzkrise 2009. Kurzarbeit hielt Beschäftigungsverhältnisse aufrecht, weshalb die Arbeitslosenquote den Einbruch der Wirtschaftsleistung nur abgeschwächt abbildete.

Warum gingen die Insolvenzzahlen zurück, obwohl die Umsätze einbrachen?

Weil die Pflicht, Insolvenz anzumelden, ab März 2020 in Stufen ausgesetzt wurde und parallel Hilfen und Kredite flossen. Die Statistik zeigte deshalb in den Pandemiejahren weniger Unternehmensinsolvenzen als in den Jahren davor, obwohl die wirtschaftliche Lage schlechter war.

Welche Hilfsprogramme gab es für Unternehmen?

Auf Bundesebene vor allem die Soforthilfen im Frühjahr 2020, danach die Überbrückungshilfen in mehreren Stufen sowie November- und Dezemberhilfe für die von Schließungen unmittelbar betroffenen Branchen. Für den Kulturbereich kam das Programm Neustart Kultur hinzu, das 2020 mit einer Milliarde Euro startete und später aufgestockt wurde.

Wann endeten die Maßnahmen?

Der Großteil der bundesweiten Schutzmaßnahmen lief im April 2022 aus. Wirtschaftlich war damit nichts abgeschlossen: Aufgeschobene Insolvenzen, veränderte Konsumgewohnheiten und Personalabgänge aus den geschlossenen Branchen wirkten deutlich länger nach.