Wirtschaft · Dossier
Die fünf Branchen, die das Coronavirus am stärksten getroffen hat
Luftverkehr, Gastgewerbe, Verkehr und Lagerei, Automobil, Kunst und Unterhaltung. Fünf Branchen, fünf verschiedene Arten von Schaden, und eine Rangfolge, die sich mit der gewählten Kennzahl verschiebt.
Was „am stärksten betroffen“ überhaupt heißt
Ranglisten der Pandemieverluste kursieren in großer Zahl, und sie widersprechen sich regelmäßig. Der Grund liegt nicht in unterschiedlichen Daten, sondern in unterschiedlichen Fragen. Wer nach Umsatzrückgang sortiert, erhält eine andere Reihenfolge als wer nach Beschäftigungsverlust, nach Ausfallwahrscheinlichkeit von Unternehmen oder nach der Dauer der behördlichen Einschränkungen fragt. Eine Branche kann fast ihren gesamten Umsatz verlieren und trotzdem wenige Insolvenzen aufweisen, wenn sie kapitalstark ist oder staatlich gestützt wurde.
Sinnvoll ist deshalb, die Art des Schadens zu unterscheiden. Es gab den Nachfrageausfall, bei dem Kunden ausblieben, weil sie nicht durften oder nicht wollten. Es gab die Angebotsstörung, bei der die Nachfrage bestand, aber nicht bedient werden konnte. Und es gab die Verschiebung, bei der Umsatz nicht verschwand, sondern zu anderen Anbietern wanderte. Die fünf hier behandelten Branchen stehen für unterschiedliche Mischungen dieser drei Muster.
Luftverkehr: der schnellste und tiefste Einbruch
Keine Branche traf es so unmittelbar wie den Luftverkehr. Als Grenzen geschlossen und Reisen untersagt wurden, fiel die Nachfrage innerhalb von Tagen fast vollständig aus; die Zahl der Fluggäste an deutschen Flughäfen ging 2020 um rund drei Viertel zurück. Die Kostenstruktur verschärfte das: Flotten, Leasingraten, Wartungsverträge und Slots laufen weiter, auch wenn nichts fliegt. Mehrere europäische Gesellschaften überlebten die Phase nur durch staatliche Beteiligungen oder Kredite.
Bemerkenswerter als der Einbruch ist die Form der Erholung. Der Urlaubsverkehr kam schneller und vollständiger zurück als erwartet, der Geschäftsreiseverkehr nicht, weil ein Teil der Termine, für die vorher geflogen wurde, sich in dieser Zeit als videokonferenztauglich erwies. Da Geschäftsreisende einen überproportionalen Anteil der Erträge trugen, blieb die Ertragslage schlechter als die Passagierzahlen vermuten lassen.
Gastgewerbe und Beherbergung: der größte Umsatzverlust
Nach Umsatz gemessen stand das Beherbergungs- und Gaststättengewerbe an der Spitze. Es war von beiden Schließungszyklen unmittelbar betroffen, zwischenzeitlich auf Außer-Haus-Verkauf beschränkt und in der zweiten Welle über Monate ganz geschlossen. Anders als im Handel gab es keinen ausweichenden Kanal: Ein Restaurantbesuch lässt sich nicht ins Netz verlagern, und Lieferung ersetzt bei den üblichen Provisionen kaum die Fixkosten.
Die Nachwirkung war ein Personalproblem. Wer über Monate ohne verlässliche Einsätze dastand, wechselte in Branchen mit planbaren Arbeitszeiten und kam überwiegend nicht zurück. Nach den Öffnungen fehlte deshalb vielerorts nicht die Nachfrage, sondern die Kapazität, sie zu bedienen, sichtbar an verkürzten Öffnungszeiten und zusätzlichen Ruhetagen. In den Umsatzzahlen wirkt das wie eine schleppende Erholung, in den Betrieben war es ein zweiter Engpass.
Verkehr und Lagerei: der zweigeteilte Sektor
Der Sektor Verkehr und Lagerei verlor deutlich weniger als das Gastgewerbe, und das aus einem einfachen Grund: Er enthält beide Seiten der Verschiebung. Der Personenverkehr mit Bahn, Bus, Reisebussen und Taxi brach ein, weil niemand unterwegs war. Die Logistik hinter dem Versandhandel wuchs im selben Zeitraum kräftig, weil alles, was nicht im Laden gekauft wurde, transportiert werden musste.
In der Summenstatistik heben sich diese Bewegungen teilweise auf, was den Sektor harmloser aussehen lässt, als er für die einzelnen Teilbranchen war. Ein Busunternehmen, das Klassenfahrten und Vereinsausflüge fuhr, verlor praktisch seinen gesamten Markt, während ein Paketdienstleister im selben Quartal an Kapazitätsgrenzen stieß. Wer über diesen Sektor spricht, sollte deshalb sagen, welchen Teil er meint.
Automobil: nicht die Nachfrage, sondern die Kette
Die Automobilindustrie erlebte einen anderen Schaden. Nach kurzen Werksstillständen im Frühjahr 2020 kehrte die Nachfrage schneller zurück als erwartet, und traf auf Lieferketten, die auf den Einbruch eingestellt worden waren. Der bekannteste Engpass betraf Halbleiter: Kapazitäten, die während der Absatzkrise storniert und an andere Abnehmer vergeben worden waren, standen bei der Erholung nicht wieder zur Verfügung. Fertige Fahrzeuge warteten monatelang auf einzelne Bauteile.
Nebenbei veränderte die Pandemie das Mobilitätsverhalten in zwei Richtungen. Der öffentliche Verkehr verlor Fahrgäste an das eigene Auto und an das Fahrrad, während Pendelstrecken durch verteiltes Arbeiten seltener gefahren wurden. Ökologisch fiel zusätzlich ins Gewicht, dass Hygieneartikel und Versandverpackungen zu Millionen von Tonnen mehr Abfall führten, ein Effekt, der in den Branchenbilanzen nirgends auftaucht.
Kunst und Unterhaltung: der längste Stillstand
Der Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung war am längsten eingeschränkt und erholte sich am langsamsten. Kinos, Bühnen und Konzertveranstalter hatten kein Ersatzformat: Wo das Produkt die gemeinsame Anwesenheit ist, ersetzt ein Stream sie nicht, und ein ausgefallener Abend ist kein verschobener Umsatz. Für die Filmwirtschaft in Deutschland bezifferten Branchenbeobachter den Schaden allein für das Kino auf über eine Milliarde Euro.
Hinzu kam die Struktur der Beschäftigung: überwiegend freiberuflich, projektbezogen und damit außerhalb der Instrumente, die für Angestellte gebaut waren. Genau diese Lage stand hinter der Mediendebatte des Frühjahrs 2021, die auf dieser Domain dokumentiert ist. Wie sich der Stillstand auf Kinos, Konzerte und Festivals auswirkte, führt das Dossier zur Unterhaltungsbranche aus; den Zusammenhang mit dem Kulturbetrieb der Strang zu Medien und Kultur.